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ARCHIV > ÄSTEHTIK DER VERWITTERUNG Denis Diderot, der als Initiator der großen französischen Enzyklopädie das bis heute gültige Konzept einer Gemeinschaft der Forschenden (scientific community) entwickelt und damit – im Kampf gegen alte „Mächte der Finsternis“ – Wissenschaft und Technik zum Motor des zivilisatorischen Fortschritts erklärt hatte, war zugleich Anhänger einer eher melancholischen Ästhetik der Verwitterung. Dies wird vor allem durch seinen umfangreichen Beitrag zum Pariser Kunstsalon des Jahres 1767 dokumentiert, in dem etliche Ruinenbilder zu sehen waren: „Ruinen erwecken in mir erhabene Ideen. Alles wird zunichte, alles verfällt, alles vergeht. Nur die Welt bleibt bestehen. Nur die Zeit dauert fort. Wie alt ist doch unsere Welt! Ich wandle zwischen zwei Ewigkeiten. Wohin ich auch blicke, überall weisen mich die Gegenstände, die mich umgeben, auf das Ende aller Dinge hin, und so finde ich mich mit dem Ende ab, das mich erwartet.“ Die ursprünglich religiös oder metaphysisch begründete Spannung in der Erfahrung des Verwitterns zwischen Leben und Tod, zwischen Verzweiflung und Hoffnung, wird nun im Zeichen der Erfahrung des Erhabenen neu akzentuiert und durchaus lustvoll besetzt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich eher sensualistisch um einen angenehmen Schrecken (delightful horror) im Sinne von Edmund Burke oder eher idealistisch im Sinne von Immanuel Kant um eine gemischte Empfindung handelt, die den Gegensatz von physischer Ohnmacht und mentaler Überlegenheit widerklingen lässt, in dem sich der Mensch als „Bürger zweier Welten“ bewegt. Verwitterung setzt stets an Substanzen, Dingen und Körpern in Zeit und Raum an; sie werden durch diesen Prozess in ihrem Zustand verändert und umgewandelt. Ihr Zerfall ist also eigentlich nur der Übergang in einen anders benannten Zustand, zum Beispiel in Humus als organisches Verwitterungsprodukt, in das Pflanzen dank der unermüdlichen Aktivität zahlreicher Bodenorganismen transformiert werden. Die Sprache kennt für derartige Prozesse verschiedene Benennungen. So heißt es, dass Gestein verwittert, Eisen rostet, Metall insgesamt korrodiert; dass Pflanzen welken, verwelken, verrotten; dass Tiere verenden, eingehen und dann verwesen; dass Menschen altern und sterben, wobei in diesem Falle der endgültige Übergang oft euphemistisch umschrieben wird: Jemand entschläft, geht von uns oder er geht gar „in die Ewigkeit ein“. Die Zeitlichkeit aller Verwitterung war immer wieder Gegenstand künstlerischer Anverwandlung in Literatur, Musik und Bildender Kunst, wobei allerdings nur die Unikate bildnerischer Darstellungen Verwitterung in buchstäblicher Weise „an sich selbst“ ästhetisch fühlbar werden lassen. Dies kann unbeabsichtigt geschehen durch ihre Abnutzung in der Zeit, wobei ihnen wie bei antiken Statuen oder alten Gemälden Patina als „ästhetischer Mehrwert“ zuwächst. In der Kunst der Moderne kann dieser Prozess demgegenüber durchaus beabsichtigt sein, wie es jüngst in besonders monumentaler Weise Richard Serra vor Augen geführt hat: „Die Materie der Zeit“ heißt seine vor gut einem Jahr vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao aufgestellte riesenhafte Skulptur aus vielen Tonnen rostenden Stahls, die in einigen Jahren in reinstem Oxyd-Orange erstrahlen wird. Das Beispiel des rostenden Stahls zeigt, dass Verwitterung getreu den Erhaltungssätzen der Physik nur in sehr kurzsichtiger Betrachtung Zerstörung, Schwund und Tod bedeutet. Eigentlich geht es um eine Interaktion von Stoffen, um Metamorphose, wie sich dies außerhalb der Kunst in einem zeitlich wie räumlich überaus erhabenen Format an der Verwitterung ganzer Gebirge studieren lässt. Verwitterung
als Thema moderner Kunst und Ästhetik Fotografie
als „eigensinniges“ Instrument ästhetischer Forschung Die Möglichkeiten einer fotografischen Protokollierung, Akzentuierung und „Umcodierung“ von Bildern der Verwitterung sind in den letzten Jahren durch die Fortschritte in der digitalen Aufnahme- und Bildbearbeitungstechnik immens gesteigert worden. Fragt man nach dem leitenden Prinzip einer solchen Metamorphose des Sehens, so gerät man in den Bannkreis surrealistischer Ästhetik und ihrer Vorläufer. Der bedeutendste Anreger war hier Leonardo da Vinci, der in einer seiner später unter dem Titel Trattato della pittura firmierenden Notizen darlegt, wie man durch unvoreingenommene Betrachtung bunt gefleckter Mauern oder wechselnder Wolkenformen „wunderbare Erfindungen“ machen kann, die auf der Bildfläche Landschaften, Wälder oder Figurationen aller Art entstehen lassen. Diese Methode der Phantasiereizung und Bildfindung kann den Status eines regelrechten ästhetischen Forschungsprinzips beanspruchen. Im Bereich der Bildenden Kunst war es vor allem Max Ernst, der Verwitterungsstrukturen von Holz, Stein, Metall, Pflanzen usw. zum Thema einer neuartigen Naturgeschichte (histoire naturelle) machte, wobei er vorgegebene Strukturen durch eigene Erfindungen ergänzte. Es geht dabei um assoziativ weitreichende Metamorphosen des Sehens mit allen Spielarten des Grotesken, Phantastischen und Traumartigen. Vorbildlich bleibt der surrealistische Ansatz schließlich auch im Hinblick auf das Ideal einer möglichst engen Verschränkung von Bildern, Texten und Diskursen, wie sie damals in Paris in einem eigens dafür eingerichteten „Büro für surrealistische Forschung“ mit interdisziplinären Verbindungen zu verschiedenen Wissenschaften betrieben wurde. ZOLLHAFEN
/ Fotografie und Ästhetik Ernst Fischer verweist in einem Essay zu der in der Ausstellung dokumentierten fotografisch-ästhetischen „Spurensuche“ auf ebenso melancholische wie utopische Implikationen eines solchen Versuchs, Orte wie den inzwischen weitgehend aufgelassenen alten Mainzer Hafen zeichenhaft zu lesen und in Kontexte einzubetten, die weit über eine dokumentarische Protokollierung hinausgehen. Vermeintliche Zerstörung mutiert im günstigen Fall zu einem „Triumph des Schönen, der entsteht, wenn Zeit und Natur gewissermaßen als Künstler von den Dingen des Menschen Besitz ergreifen. Die Spuren des Gebrauchs, die Kratzer, Risse, Absplitterungen verwandeln sich unter dieser Perspektive in Resultate vertrauter graphischer Techniken, des Metallstichs, der Kaltnadelradierung, des Steindrucks, überhaupt verschiedener Ritz-, Schab- und Ätztechniken, aus denen Farb-Palimpseste, Collagen und Decollagen entstanden sind.“ Solchen Bildern sei überdies häufig im Sinne der Philosophie Ernst Blochs der „Vorschein eines ästhetischen Zeitalters“ einbeschrieben. „Das So-Sein der Dinge ist viel weniger ein Nicht- Mehr-Sein als ein utopisches Noch- Nicht-Sein.“ METALLOMORPHIE CARRARA
/ paesaggi di marmo WINTERREISE
/ Mittelrheintal Nicht selten
spiegeln die aufgefundenen Zufallskonfigurationen auf verblüffende
Art und Weise den Gestus prominenter künstlerischer Positionen der
Moderne wider. Es entsteht der Anschein, als ob die Natur in Verbindung
mit handwerklich-industriellen Arbeitsprozessen nunmehr der Kunst zurückerstatte,
was diese in Abkehr von aller direkten Nachahmung im Zeichen der ästhetischen
Moderne für lange Zeit aus der Realität in den vermeintlich
autonomen Kunstraum verbannt hatte. Zu den nicht zu unterschätzenden
Konsequenzen einer solchen Betrachtungsweise gehört die Aufforderung,
im Interesse einer umfassenden ästhetischen Welt- und Selbsterfahrung
den Kunstraum zumindest temporär zu verlassen, um sich der Tatsache
zu vergewissern, daß die jenseits aller gewohnten Schematisierung
erfahrene Wirklichkeit nach wie vor eine „Bildgeberin“ höchsten
Ranges ist und bleiben wird.
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